NW: Väter gegen Sarrazin

Eine Gruppe türkischstämmiger Väter will den Thesen von Thilo Sarrazin ihre eigenen Erfahrungen als integrationswillige Migranten entgegensetzen. Und den umstrittenen Bundesbanker nach Berlin-Neukölln einladen.

Das Deutsch von Süleyman Topaloglu ist bruchstückhaft, es holpert und manchmal können die Zuhörer nur schwer folgen. Aber Topaloglu hat etwas zu sagen, und er entschuldigt sich: „Ich hatte keine Zeit, Deutsch zu lernen. Ich musste arbeiten, arbeiten, in Schichtarbeit und Überstunden.“ Vor 38 Jahren kam er aus der Türkei, als Gastarbeiter; „nicht als Landbesetzer“, sondern auf Einladung deutscher Firmen, die dringend Arbeitskräfte brauchten. Heute sagt er: „Deutschland ist mein Land: Meine Kinder und Enkel sind hier geboren. Ich liebe Deutschland!“

Für Topaloglu und die anderen Männer von der Neuköllner Vätergruppe ist die aktuelle Diskussion um Thilo Sarrazin nur schwer erträglich. Mit Bestürzung habe man auf die integrationskritischen Thesen des ehemaligen Berliner Finanzsenators und jetzigen Bundesbankvorstands reagiert, verkündet die Initative. Man sorge sich, „dass durch die Aussagen Sarrazins alle Integrationsbemühungen konterkariert“ würden.

2007 rief der Psychologe Kazim Erdogan die „1. Selbsthilfegruppe türkischstämmiger Männer“ ins Leben. Etwa 50 Männer nehmen regelmäßig an ihren Treffen teil, in denen Rat gesucht wird und Erfahrung ausgetauscht; es geht um Erziehung, Konflikte, um Trennung und Rollenbilder. Die Vätergruppe gilt als Musterbeispiel erfolgreicher Integrationsarbeit. Und weil es eine so ungewöhnliche Initiative ist, fasziniert sie die Medien. „Patriarchen in Not“, schrieb der Spiegel und „Deutschlands Integrationsprobleme auf der Couch“ der Zürcher Tages-Anzeiger.

Aber auch die Gruppe weiß mittlerweile, wie sie sich aus ihrer besonderen Position heraus Gehör verschaffen kann. Gegen das von der Bundesregierung geplante Betreuungsgeld sprachen sie sich in einer Pressekonferenz aus. Und als sie unter dem Titel „Sarrazin spricht über uns – aber kennt er uns?“ am Mittwoch erneut Pressevertreter nach Neukölln lädt, ist der Andrang beträchtlich.

Einwarnderer der ersten, zweiten und dritten Generation melden sich zu Wort und erzählen von ihren Erfahrungen mit der Selbsthilfegruppe. Oft hat sich das Verhältnis zu Ehefrau, Kindern oder Enkelkindern verändert. Einer zahlt seinem Sohn jetzt Klavier- und Gitarrenunterricht. Und ein anderer hat mit Hilfe der Gruppe 90 Kilogramm abgenommen.

Es sind sehr unterschiedliche Geschichten, doch für Kazim Erdogan haben die Männer eines gemeinsam: Sie seien bildungshungrig. Sie als bildungsfern zu bezeichnen, zeuge von Unkenntnis. „Wenn Herr Sarrazin zwei, drei Geschichten von unseren Männern mitbekäme, würde er das nächste Mal ein anderes Buch schreiben.“

Kazim Erdogan macht damit Ernst: „Ich möchte Herrn Sarrazin ganz offiziell in unsere Vätergruppe einladen“, sagt er. Sarrazin könne dann sehen, „welche Vorbilder und unentdeckten Schätze in dieser Gruppe sind.“ Falls der umstrittene Autor im Übrigen Angst um seine persönliche Sicherheit habe, so Erdogan, würde er „einhundert Männer mit Migrationshintergrund“ zu seinem Schutz bereitstellen. Die Antwort von Thilo Sarrazin steht noch aus.