NW: Just a mirror for the sun

Letztens mit H. und einem 7-Sitzer Dodge Grand Caravan unterwegs. Drei Wochen roadtrippin durch 16 Bundesstaaten, Schnee, Schneeregen, Schneesturm, Regen, Sonne, Eiseskälte, Sonne (!) und, äh, eine Zeitzone.

Frau und AutoDurham NC – Bluemont VA – Boston MA – Cambridge MA – Killington VT – Woodstock VT – Portsmouth NH – Ogunquit ME – Mansfields MA – Harlem, New York City NY – Philadelphia PA – New Castle DE – Baltimore MD – Williamsburg VA – Hampton VA – Charleston SC – Mt Pleasant SC – Tybee Island GA – Savannah GA – St Augustine FL – Durham NC, das, genau, das war unsere Route roughly entlang der Atlantikküste.

Jetzt stehe ich dummerweise vor dem Dilemma, das dieses Blog explizit NICHT als Reiseberichtablage deklariert wurde. Ein paar Eindrücke dürfen ob ihrer soziokulturellen und persönlichen Bedeutung dennoch geschildert werden. Okay?

Was bleibt also? Sicher die schier endlose Vielfalt. Nur schwer lässt sich begreifen, dass sich all diese Orte in ein und demselben Land befinden sollen. Dass New York eine andere Welt als der Rest der Staaten sein sollte, wurde mir schon vorher gepredigt. Neu war dann die Einsicht, dass sich Leute aus einer Neuenglandkleinstadt, sagen wir, des grünen Vermonts und auf der anderen Seite, zum Beispiel, einer ländlichen Siedlung des südlichen Virginias, dass sich die also  nicht wie Bewohner zwei verschiedener Planeten fühlen müssen…

Was verbindet? Drei Wochen im Kurs „Nationalismus, Patriotismus, amerikanischer Exzeptionalismus“ lösen bei mir eigentlich die reflexhafte Antwort von Freiheit, Fortschritt, beacon of liberty aus. In echt ist’s vermutlich profaner. Denn was uns auf der Reise nie verlassen hat, dass waren die Ausblicke auf die immer gleichen malls, Einkaufszentren in den Größenordnungen von riesig bis gigantisch, mit den sich immer wiederholenden Kettengliedern: Walmart, Mc Donald’s, Burger King, Wendy’s, Food Lion, Target, Blockbuster, Staples, Walmart, Waffle House, Walmart. Und Red Roof, das von uns zigmal beehrte Budgethotel an Autobahnkreuzungen und -auffahrten.

VorstadtidylleEinheitsbrei ist ungefähr auch der Ausdruck, der für die so genannte Vorstadtidylle zu gebrauchen wäre. Suburbane Individualität drückt sich in drei verschiedenen Eigenheimmodellen aus, die in willkürlicher Reihenfolge immer wieder wiederholt werden, Kilometer an Kilometer.

Halt. Ich sprach von der Vielfalt! Die hat sich tatsächlich tiefer ins Gedächtnis gegraben als sonst die, gut, schwer erträglichen Absurditäten. Ich greife mal in die Erlebniskiste.

Cambridge, Massachusetts, etwa, wuselige Universitätsstadt auf der anderen Seite des Charles River, Harvard- und MIT-geprägt, super Buchläden. Knöllchen: 55 Dollar. Boston, geschichtsträchtig, irisch, italienisch. Oder Woodstock, Vermont, eingeschneit in den Wäldern der Green Mountains, richtig freundlich und putzig. Im benachbarten New Hampshire zeigen die Autoschilder: Live free or die! Und Konsumsteuer gibt es nicht. Ein Spaziergang auf zugeschneiten Küstenfelsen im südlichen Maine. Im Schneesturm in Connecticut festgesteckt. Im Eisregen in New York Einzug genommen und stolz den Großfamilienwagen durch die Hügel Harlems und zwischen sommerbereiften Großstädtern in die 139th, Ecke Broadway, manövriert. Genuss des WG-Lebens ohne Mitbewohner in der Exilantenbude im Herzen eines Viertels, das heute nicht mehr nur schwarz, Vorzüge der Domestizierungsondern vor allem hispanisch ausschaut. Verzweifelte Versuche, alles, alles von New York zu sehen – erfolgreich aufgegeben nach sieben Tagen. Türverriegelung von innen zum ersten Mal bewusst betätigt in den nördlichen Vorstädten von Philadelphia (Germantown!), nervöser rechter Fuß an jeder Ampel. Was, zehn Dollar fürs Parken? Wenn’s der Sicherheit dient… Die Götter von Soulive live angehimmelt… Auto noch da? Dann: Freiluftmuseale Abschreckung in Williamsburg, Virginia. Erschreckende Armut und Tristesse im Süden der old dominion und im Norden – meines! – North Carolinas. Immer noch kein warmes Wetter in South Carolina, aber Charleston hat zumindest die schönsten Südstaatenhäuser. In Georgia reichen die Sümpfe bis zum Horizont, die Bäume sind uralt und massiv, und von oben hängt das Lousianamoos. Und Savannah ist die sympathischste aller Städte plus, endlich, gutes Wetter. Saint Augustine ist der Floridapflichtbesuch mit, äh, einem schönen Strand.

Am 6. Januar zurück in Durham: Frühstücken mit Chocolate Chip Cookies und Blueberry Muffin zur Freizeitlektüre der Bostock Library. Einmal tief durchatmen, Abschied nehmen.

Wenigstens wir bleiben uns noch für vier Monate erhalten: Hassliebe Gastland und ich.