NW: Betrüger der Welt, schaut auf diese Stadt

Wer in Bayreuth zur Universität vordringen will, der muss Altstadt, Hofgarten und Festspielhaus zunächst hinter sich lassen, durchquert auf der Busfahrt das Wohngebiet Birken mit seinen Vorgärten und Jägerzäunen, und nähert sich dann unweit der A9 auf einer großen Schleife dem Universitätscampus.

Kreisförmig umgeben Zweckbauten aus Backstein, Beton und Glas einen zentralen Platz, man sieht hier die Mühe, die sich die Stadtplaner damit gegeben haben, dem Ort Lebendigkeit und Würde einzuhauchen. Mit Gründungsjahr 1975 gehört die Bayreuther Universität zu den jüngsten des Landes. Aber sie besitzt einen exzellenten wissenschaftlichen Ruf und mit Stolz schauen sie auf die wenigen berühmten Alumni.

Mit beidem ist es seit vergangener Woche erst einmal vorbei.

Bis vor zehn Tagen zählte zu den besonders vorzeigbaren Absolventen Karl-Theodor zu Guttenberg, Adelssprössling aus dem nur 30 Kilometer entfernten gleichnamigen Ort, Student der Rechtswissenschaften von 1992 bis 1999, im Jahr 2007 promoviert beim renommierten Bayreuther Verfassungsrechtler Peter Häberle, da schon lange Bundestagsabgeordneter, später CSU-Generalsekretär, Wirtschaftsminister, Verteidigungsminister, und inzwischen seit Monaten beliebtester Politiker im Land.

Auf dem zentralen Platz, witzelt Michael Weh, hätten sie vor kurzem noch fast eine Guttenberg-Statue aufstellen wollen. „Das hat sich jetzt wohl erledigt.“ Weh gehört zur Hochschulgruppe der Jusos, aber das ist hier nicht wichtig, denn quer über alle Parteilinien machen sich die Studenten hier Sorgen. Sie fragen sich: Wird die Affäre um die plagiierte Doktorarbeit des berühmten Absolventen die Uni um ihren guten Ruf bringen? Werden ihre Abschlüsse, ihre wissenschaftlichen Leistungen weniger wert sein?

„Ich überlege mir schon, ob ich hier promovieren möchte“, sagt ein Jura-Student. „Es gibt einen Rufschaden für die Uni. Die Option, woanders hinzugehen, ist durchaus greifbar.“ Michael Weh sagt: „Wir wollen nicht belächelt werden als Absolventen der Uni Bayreuth.“

Wo sich Bayreuther Studenten vor allem um ihre Karrierechancen sorgen, sehen Wissenschaftler in der ganzen Republik ihre Arbeit diskreditiert. Sie haben lange still gehalten. Seit sich aber andeutet, dass Guttenbergs Fehlverhalten keinen Rücktritt wert ist, melden sich die Wissenschaftler zu Wort. 70 Dozenten der Ludwig-Maximilians-Universität München verfassten einen offenen Brief an den bayerischen Wissenschaftsminister. Darin kritisieren sie den Eindruck „es habe sich bei dem Verhalten des Promovenden um einen Kavaliersdelikt wie Falschparken gehandelt, das im Wissenschaftsbetrieb allerorten üblich sei“.

Noch konsequenter geht der Berliner Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister zu Werke: Er kündigte an, auf die Verwendung seines Doktortitels zu verzichten, „solange Freiherr zu Guttenberg noch als Minister dieses Land vertritt“. „Wie will eine Bundesregierung überhaupt noch bildungspolitisch verantwortlich handeln, wenn sie vorsätzliche akademische Täuschung zum Kavaliersdelikt erklärt?“, fragt er. Und sieht „die Idee einer universellen scientific community, mit ihren Regeln der Überprüfbarkeit und Originalität, Kritik und Präzision“ bedroht.

Wenn ein Bundesminister große Teile seiner Dissertation fälschen darf, ohne dafür ernsthafte Konsequenzen fürchten zu müssen, dann steht nicht nur die Bedeutung wissenschaftlicher Standards zur Diskussion. Es geht dann auch um die Frage, was intellektuelle Leistung diesem Land noch wert ist.

An der Universität Bayreuth haben sie zunächst einmal andere Sorgen. Auch wenn das keiner öffentlich sagen mag, so treibt die Angst um den guten Ruf der Uni auch Professorenschaft und Universitätsleitung um. Mit jedem Tag, an dem die Zeitungen voll waren vom Skandal um den Freiherrn, wurde aus der Guttenberg-Affäre immer mehr eine Affäre um die Universität Bayreuth.

Wie konnte es passieren, dass Guttenbergs Doktorvater Häberle, in der Fachwelt angesehen und im Wissenschaftsbetrieb jahrzehntelang erfahren, seinem Doktoranden das Abkupfern, Fälschen und Täuschen durchgehen ließ? Wie konnte eine Arbeit, die mittlerweile auch von politisch unverdächtigen Rechtswissenschaftlern als in inhaltlicher Hinsicht allenfalls mittelmäßig eingeschätzt wird, mit der Höchstnote „summa cum laude“ bewertet werden? Fehlten der Universität Kontrollmechanismen, ließen sie sich blenden vom aufstrebenden CSU-Jungstar oder gab es gar weitergehende politische oder finanzielle Einflussnahmen?

Es ist Mittwochabend, 19.30 Uhr, als sich Universitätspräsident Rüdiger Bormann diesen Fragen nicht stellen will. Bormann will vor allen Dingen seine Hochschule aus der Schusslinie nehmen. Tagelang erweckte die Universitätsleitung den Eindruck, die Verfahren der zuständigen Kommissionen könnten sich über Wochen hinziehen. Am Mittwochnachmittag aber beruft Bormann überraschend eine Pressekonferenz für den Abend ein.

Im Senatssaal der Universität versammeln sich hektisch herbeitelefonierte Fernsehteams, einige fränkische Lokalzeitungen und eine Handvoll interessierter Studierender. Bormann sagt: „Wir haben Ihnen eine wichtige Mitteilung zu machen. Die Universität Bayreuth erkennt Herrn zu Guttenberg den verliehenen Doktortitel ab.“

Die Promotionskommission der rechts-und wirtschaftwissenschaftlichen Fakultät hat das – einstimmig – entschieden, sie sehen die Grundsätze wissenschaftlichen Arbeitens durch die „wörtliche oder sinngemäße Übernahme von Textstellen ohne hinreichende Kennzeichnung“ verletzt. Das Eingeständnis von Guttenberg, seine Dissertation enthalte „gravierende handwerkliche Fehler“ und die Bitte um Rücknahme des Doktortitels haben der Kommission die Arbeit erleichtert. Damit war die Täuschung unstrittig, man konnte auf langwierige Anhörungen verzichten, und vor allem eine Frage aussparen: Täuschte Guttenberg vorsätzlich?

Für die politischen und möglichen strafrechtlichen Konsequenzen ist diese Frage zentral. Natürlich, gibt Bormann zu, hätte man die Frage nach dem Vorsatz in die Kommissionarbeit „inkludieren können“. Aber es habe ein „allseitiges Interesse“ an einer „zügigen und schnellen Entscheidung“ gegeben.

Es ist schließlich die Bundeskanzlerin, die die schlüssigste Interpretation für das Krisenmanagement der Universität liefert. Am Mittwochabend sagt Angela Merkel: „Die Entscheidung der Uni Bayreuth liegt auf der Linie dessen, was der Verteidigungsminister vorgegeben hat.“

 

Dieser Text war Grundlage für die Geschichten „Uni Bayreuth kassiert Guttenbergs Doktortitel“ in der taz vom 25. Februar 2011 sowie „Guttenbergs Uni will seriös werden“ in der taz vom 28. Februar 2011.